„Dass in unserer Überflussgesellschaft Existenzangst herrscht, ist unmenschlich“

Seit Roboter und Algorithmen Arbeitsplätze einnehmen, wird der Ruf nach einem bedingungslosen Grundeinkommen lauter. Doch wie soll das finanziert werden und welche Perspektiven hat das Modell in Deutschland? Ein Gespräch mit Philip Kovce.

Darin:

Sie erinnert uns daran, dass Wirtschaft nicht die Aufgabe hat, Menschen zu beschäftigen, sondern Menschen von der Arbeit zu befreien. […]

Die Industrialisierung führte dazu, dass wir die Handarbeit den Maschinen überließen. Die Digitalisierung führt dazu, dass wir die Kopfarbeit den Computern überlassen. Damit hätten wir nun den Kopf frei, um das Herz in die Hand zu nehmen. Das gelingt am besten, wenn wir niemanden zu Erwerbsarbeit zwingen. […]

Dass in unserer Überflussgesellschaft Existenzangst herrscht, weil wir noch immer am Erwerbszwang festhalten, ist nicht nur unnötig, sondern auch unmenschlich. […]

Faulheit färbt ab: Wer etwas tun muss, was er als unnötig, unsinnig, unwürdig kurz: als faul empfindet, der wird faul. Zum Glück! Es ist doch eine gesunde Reaktion, Zwangshandlungen zu widerstehen. Freiwilligkeit wiederum steckt an: Wer sich für seine Aufgabe begeistert, der kann sie auch besser erfüllen und andere begeistern. […]

Wir werden faul, wenn wir arbeiten müssen, und wenn dieser Zwang unterbleibt, dann wollen wir tätig sein. […]

Wenn niemand mehr existenziell erpressbar ist, dann könnten Arbeitgeber und Arbeitnehmer endlich auf Augenhöhe verhandeln. Unter welchen Bedingungen ein Arbeitnehmer dann dazu bereit ist, in einem Unternehmen zu arbeiten, entscheidet er selbst. Unternehmen dürften dank des Grundeinkommens übrigens damit rechnen, dass erfreulicherweise nur noch die Mitarbeiter zur Arbeit kommen, die tatsächlich intrinsisch motiviert sind. […]

Es ist keiner Partei mehr möglich, das bedingungslose Grundeinkommen einfach zu ignorieren. Es stellt inzwischen eine parteiübergreifende Minderheitenposition dar. Das wiederum befördert den öffentlichen Diskurs, zumal das Grundeinkommen überkommene politische und ökonomische Fronten unterläuft. […]

Wir sollten künftig nicht mehr die Herstellung von Gütern und Dienstleistungen, sondern die Inanspruchnahme von Gütern und Dienstleistungen besteuern. Wer in einer arbeitsteiligen Gesellschaft für andere etwas herstellt, der sollte daran möglichst nicht gehindert werden. Und wer Leistungen anderer für sich beansprucht, der sollte dafür auch zur Gesellschaft etwas beisteuern.

Übrigens: Wenn wir den Konsum anstelle des Einkommens besteuern, dann muss sich der Einkommensteuerfreibetrag, der heute jedem Einzelnen verfassungsgemäß zusteht, zu einem Konsumsteuerfreibetrag wandeln. Und wenn wir diesen Konsumsteuerfreibetrag kapitalisieren, also jedem Einzelnen ausbezahlen, dann erhalten wir nichts anderes als ein bedingungsloses Grundeinkommen. […]

Wer Maschinen besteuert, der benachteiligt Menschen. Es ist schlichtweg absurd, in einer arbeitsteiligen Gesellschaft Leistungsträger zu besteuern seien es Roboter oder Menschen. …‘

http://www.ingenieur.de/Arbeit-Beruf/Arbeitsmarkt/Dass-in-unserer-Ueberflussgesellschaft-Existenzangst-herrscht-unmenschlich